4. JUNI 1989

„…UM DIE POLEN ZU VERSTEHEN“ – dies ist nur ein Buchtitel, aber die Polen wirklich zu verstehen ist ein Versuch, der noch nicht beendet ist. Das Nachwort des Buches, 20 Jahre danach, könnte das Vorwort eines neuen Buches sein, nur mit kleinen Veränderungen - mit einem Wechsel vom Präsens zum Präteritum.

Nachwort

Die Menschen meinen, ihr ganzes Drama beruhe auf dem Kampf gegen andere Menschen. Nein, so ist es nicht. Das echte menschliche Drama beruht darauf, dass der Mensch gegen sich selbst auftreten muss. Ich meine, es ist mir gelungen, den inneren Zwiespalt der menschlichen Seele während dieser Gespräche, die ich darstelle, nach aussen zu bringen.
Ich habe versucht, den Gedanken meiner Gesprächspartner zu folgen. Ich war ihnen sehr nahe, selbst wenn ich eine andere Meinung als sie vertreten habe, und trotz Zugehörigkeit zu einer anderen Ideologie.
Da könnte jemand fragen: Wie kann man gleichzeitig gegenüber Lech Wałęsa und Wojciech Jaruzelski wohlwollend sein, das ist doch paradox. Das Leben besteht jedoch aus Paradoxen, steckt das Geheimnis des Kompromisses, der sich für die Polen in letzter Zeit als so notwendig und hilfreich erwiesen hat.
Leider ist es mir nicht gelungen, ganz unparteiisch zu bleiben, obwohl dies mein fester Vorsatz war. Ich habe mich von der Stimmung und meiner inneren Überzeugung tragen lassen. Ich frage mich, was geschehen würde, wenn man zum Thema der Gespräche einen Roman oder ein Drama, vielleicht auch Verse schriebe. Die letztere Ausdrucksweise liegt mir besonders am Herzen. Natürlich, man müsste eine Fabel finden, etwas Exotik und Sensation müsste hinzukommen, der Aufbau wäre zu ändern usw. Wer würde mir dann glauben, dass diese Polen tatsächlich so und nicht anders sind, dass man wahrhaftig „die Polen begreifen“ muss, wie es im Titel des Buches anklingt. In diesen Gesprächen wird dagegen Geschichte lebendig, es kommen Menschen zum Vorschein, die diese Geschichte gerade mitgestalten, die den Wagen der Geschichte auf der holprigen Strasse mit zahlreichen Kurven fahren, selbst der härteste Draufgänger würde es nicht wagen, diesen Weg einzuschlagen. Ist das nicht faszinierend?

Die Idee zu diesem Werk ist in der Nacht vom 3. zum 4. Juni 1989 in Berlin-West entstanden. Auf dem „Künstlerfest“ in der imposanten stillgelegten Halle des Schöneberger Bahnhofs versammelten sich zahllose Menschen, denen man etwas bieten musste. Dieses „etwas“ sollte durch Exotik und Extravaganz schockieren und gleichzeitig geistige Nahrung sein. Eine schwierige Aufgabe, zumal ich damals nicht im Zuschauerraum sass, sondern zu den hart arbeitenden Künstlern gehörte.
Ich entschloss mich, mit Hilfe von allen, tatsächlich allen „Festteilnehmern“, den diese Aktivität war sozusagen die Eintrittskarte, entlang des Bahnsteigs eine neue „Berliner Mauer“ zu errichten. Diesmal nicht aus Ziegelsteinen und Beton, sondern aus Schnur und rotem, aber auch goldenem und silbernem Buntpapier, vor allem jedoch aus Blumen, Tausenden von bunten, echten Blumen. Beim Betreten des Bahnsteiges erhielt jeder Blumen zur Begrüssung, später bekam er auch etwas Schnur, Buntpapier, Klebeband und musste daraus ein Gebilde basteln, das an einer speziellen Konstruktion aus Stangen, Leinen und Schnur befestigt wurde. Der Geiger Hubert Stokowski spielte eigens für diesen Anlass komponierte Melodien, was der Veranstaltung einen zusätzlichen Riez verlieh. Das Spiel kam bei allen gut an, aber noch wichtiger ist: Diese neue „Berliner Mauer“ war beeindruckend schön, so schön wie eine Blumenmauer nur sein kann. Es gab in dieser „Mauer“ jedoch gewisse plastische Lücken, die ausgefüllt werden sollten.
Ich erinnere mich, dass mir irgend jemand einen Stoss kleiner Handzettel mit der roten Aufschrift „Solidarność“ gegeben hatte.
Dort stand ganz genau, wie und wer gewählt werden sollte. Fast alle Namen waren durchgestrichen. Ich habe diese Agitationsblättchen nicht verteilt, zum Glück, denn sie waren jetzt sehr nützlich. Schnell landeten alle Plakate auf der „Blumen-Papier-Mauer“. Die Informationen und Streichungen hatten keine Bedeutung, denn niemand konnte Polnisch. Die Zettel stachen durch die Röte der Aufschrift „Solidarność“ deutlich aus dem Geflecht von Leinen und Schnüren hervor. Das verlieh dem Ganzen eine absolut neue Bedeutung, es erinnerte an das Tor der Danziger Werft im August 1980. Der rote Charakter der der gesellschaftlichen Bewegung „Solidarność“ kam zum Ausdruck, zum Entsetzen der einen und zur Freude der anderen.
In der Morgenstunden des 4. Juni brach die gesamte Konstruktion zusammen. Bevor die Besucher nach Hause gingen, stürzten sie sich auf die Blumensträusse, die auf der Erde lagen. Jeder wollte ein Andenken mitnehmen. Und, was noch wesentlicher ist, auch sämtliche Plakate mit dem Aufschrift „Solidarność“ waren verschwunden.
Ein Künstler, dem ich eine Widmung in meinen Lyrikband „Do, ut des“ geschrieben hatte, sagte: „Ich gebe Dir, damit Du mir gibst. Ich möchte Dir prophezeien, dass diese zugeschüttete „Mauer“ ein Zeichen dafür ist, dass bei den heutigen Wahlen in Polen die „Solidarność“ siegen wird und dass die echte Berliner Mauer ebenfalls fallen wird. Du musst unbedingt darüber schreiben. Merke Dir, was ich gesagt habe.“
Seither habe ich mir den Kopf zerbrochen, wie ich diese Geschichte vermitteln soll. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Man muss zugeben: der Künstler hatte recht.
Am 4. Juni 1989 waren gerade in Polen sämtliche Mauern gefallen, die Ost- und Mitteleuropa einengten. Was hat sich seither nicht alles ereignet, wie haben sich Europa und die Welt verändert! Und man muss Polen auch als Land mit kämpferischen und tapferen Menschen sehen, und nicht nur als den Müllhaufen, der sich auf dem „Polenmarkt“ in Berlin darbietet.

* * *

GERECHT WIE EIN DEUTSCHER

Ich habe einen ungeheuren Traum gehabt.
Meine deutschen Freunde
Haben zu mir gesagt:
- Du bist gerecht wie ein Deutscher!
Und ich habe einen Toast
Auf die ganze glückliche Menschheit ausgebracht.
Mit göttlichem Nektar,
Weil alle Steine zu monströsen Kelchen aufblühten.
Nachher habe ich in meinem Boot gesessen
Und bin in die Hinterwelt gesegelt.
- Halt! Weiter darfst du nicht segeln!’ –
Ruft ein deutscher Polizist.
Ich wache auf.
Danach habe ich noch ein Schild gesehen:
„Nur für Deutsche!“

*Am 12. März 1990 hat ein Kulturmagazin das Gedicht abgedruckt und diese Geschichte beigefügt.

Jan Stanisław Skorupski
...UM DIE POLEN ZU VERSTEHEN
Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 1991 ISBN 3-7466-0045-6


POST-SCRIPT

Das oben genannte Nachwort wird nicht zum Vorwort eines neuen Buches genommen, weil ich kein solches Buch schreiben werde, da die Politik ein sehr schmutziges Geschäft geworden ist, und durch einen solchen Sumpf will ich nicht waten. Meine Meinung zu diesen Themen habe ich im Sonettenzyklus SONETADA/SONETADO gegeben. Das reicht!

*Ich weiss nicht weshalb das Lektorat vom Aufbau Verlag den Namen „Die Tageszeitung“ nicht erwähnt hat, obwohl er im polnischen Original stand. Der Inhalt des Gedichtes ist noch bis heute aktuell, z. B. die Zeitschrift „LITERATUREN“ (Mai-Nummer 2009) befasst sich mit Jahreszahlen – das Datum 4. Juni 1989 von Polen fehlt, obwohl dort das Ende des Kommunismus begann. Also: „Nur für Deutsche!“.



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